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l'auteur
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Matthias Roesch
Matthias, wie sind Sie zur Fotografie gekommen? Im Alter von neun Jahren bekam ich eine Pocket-Kamera, mit der ich im Urlaub gerne Landschaften und auch schon Architektur fotografierte. Gegen Ende meiner Schulzeit habe ich dann durch das Studium von Büchern zur Kunstgeschichte, aber auch durch Beiträge im deutschen Magazin GEO gelernt, dass Fotografie auch Kunst sein kann. Ich sah dabei erstmals Bilder von Henri Cartier-Bresson, Ansel Adams und Walker Evans. Während meines Wehrdienstes begann ich mich dann immer mehr für Fotografie zu begeistern und kaufte mir meine erste Spiegelreflexkamera. Ich habe mir auch ein kleines Labor für Schwarz-Weiss eingerichtet, Filme selbst entwickelt und eigene Abzüge angefertigt. Recht bald konnte ich eine erste Einzelausstellung in der Stadtbibliothek Würzburg realisieren. Allerdings musste ich mich danach mehr und mehr auf mein Studium der Physik und später auf meine Arbeit als Wissenschaftler konzentrieren, so dass die eigene Fotografie nur eine untergeordnete Rolle spielte. Ich besuchte aber immer sehr gerne Kunstausstellungen, in welchen Malerei oder Fotografie gezeigt wurden. Erst seit hochauflösende Digitalkameras und passende Objektive für die Architekturfotografie zur Verfügung standen, welche sehr ähnliche Ergebnisse wie die analoge Großformatfotografie ermöglichten, beschäftigte ich mich wieder sehr intensiv mit Fotografie und der Ausarbeitung von Bildern.
Was zeigt uns diese Serie? Die hier gezeigten Bilder gehören zu einer Serie von Architekturaufnahmen mit dem Titel CONTEMPLATION. Ich hatte damals angefangen Gebäude zu fotografieren die eine besondere Anziehung auf mich ausübten. Ich wollte diesen ausgesuchten Objekten eine zweite Existenz als Bild geben, und auch die Anziehungskraft welche ich verspürte im Bild sichtbar machen. Nach zwei Jahren beteiligte ich mich mit einer Reihe dieser Bilder an einer Gruppenausstellung. Durch die Rückmeldung mehrerer Besucher wurde ich erst darauf aufmerksam, dass alle ausgestellten Bilder ein Nebeneinander von Fabrik- oder Gewerbegebäuden und Wohnarchitektur zeigten. Manchmal ist das beschriebene Nebeneinander eher nur abstrakt erkennbar, wie etwa in Granery (2014). Mit der Zeit wurde mir nach und nach klar, dass ich etwas fotografierte, das ich, da ich damals in einer Industriestadt wohnte, als Kind immer von meinem Zimmer aus und auch in vielen Straßen gesehen habe. Offenbar hat sich diese Art Anblick in mein Gedächtnis gebrannt, und vielleicht suche ich fotografisch nach einer Befindlichkeit meiner Kindheit. Vor diesem Hintergrund habe ich einerseits ein künstlerisches Interesse für die Frage entwickelt, wie sich Wohnen in unmittelbarer Präsenz dominanter Zweckbauten anfühlt, und wie es die Bewohner prägt. Andererseits fasziniert es mich wie Häuser im Laufe der Jahre mehr und mehr Spuren des Lebens zeigen, und somit selbst zum Symbol des menschlichen Lebens werden können.
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Welche Rolle spielten für Sie die Fotografen der Düsseldorfer Schule(1) und davor der dokumentarische Stil nach Walker Evans?(2) Als ich zum ersten Mal Fotografien von Hilla und Bernd Becher sah, empfand ich diese als recht langweilig. Ihr Ansatz hatte wenig mit dem zu tun, was man oft unter guter Fotografie versteht. Erst mit der Zeit erkannte ich, dass die Begründer der Düsseldorfer Fotoschule durch ihre äußerst sachliche und präzise Darstellung den Blick des Betrachters nicht auf das Bild, sondern auf das Gezeigte lenken wollten. Trotz der fast vollständigen Abwesenheit eines fotografischen Stils schafften sie es, mit der Abbildung von Wassertürmen, Hochöfen und Gasometern ihre emotionale Verbundenheit zu den verschwindenden Zeugnissen des frühen Industriezeitalters auszudrücken. Bernd Becher stammte ja aus dem Siegerland, einer der ältesten deutschen Bergbauregionen, und er wollte vor dem Hintergrund ihres fortschreitenden Verschwindens möglichst viele der noch bestehenden Anlagen dokumentieren. Die Darstellungsweise der Bechers übte auf jeden Fall starken Einfluss auf mich aus. Die Studenten von Bernd Becher haben die sachliche Fotografie in verschiedenste Richtungen weiterentwickelt. Besonders die subtilen, abstrahierenden und atmosphärisch zeitlosen Farbfotografien von Axel Hütte und Andreas Gursky haben meine Wahrnehmung von Realität entscheidend erweitert. Auch der sachlich registrierenden und wissenschaftlich präzisen Schwarz-Weiß-Fotografie von Walker Evans fühle ich mich sehr verbunden. Er verstand es, mit seinen zwar durchdacht komponierten, dennoch unpersönlich dokumentarischen Bildern mehr Fragen zu stellen als Antworten zu liefern – so wie gute Kunst den Betrachter nicht in eine Richtung lenkt, sondern nur Anregungen für einen Prozess liefert, der im Kopf des Rezipienten stattfinden muss. |
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In vielen Ihrer Bilder spüren wir ein Interesse an Farbe, das nichts mit der Architekturfotografie zu tun hat, die meist kalt, neutral und distanziert ist. Welche Rolle spielt Farbe in Ihrer Arbeit? Ich glaube der Ausdruck einer Distanziertheit zum Objekt und die Verwendung von Farbe sind in der Fotografie kein Widerspruch, im Gegenteil, beides kann sich ideal ergänzen und unterstützen. Auf einer sachlichen und reduzierten, im Falle der Architekturfotografie verzerrungsfreien Darstellung entfaltet Farbe quasi als Kontrapunkt anders ihre Wirkung als wenn sie eine bereits erzielte Aufmerksamkeit nur noch verstärken soll. Nach Herstellen einer geeigneten Distanz zum Bildinhalt lenkt Farbe gezielt den Blick auf zu betonende Details und kann bei maßvollem Einsatz vor allem subtile Emotionen vermitteln. Da ich eines Tages den Eindruck gewann dass meine Bilder der Farbigkeit der photorealistischen Malerei ähnlicher waren als der vieler Fotografien, wählte ich zur Beschreibung auch den übergeordneten Begriff NEW PHOTOREALISM.
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Was bedeutet für Sie eine gute Komposition? Eine Bildkomposition ist aus meiner Sicht dann gelungen, wenn beim Anblick nichts stört, wenn man nicht irgend etwas anders platziert oder eingeteilt sehen möchte. Analysiert man die Werke der Meister der Malerei, erkennt man dass sie ganz oft den Blick des Betrachters in die Mitte führen, dies verleiht den Bildern Ruhe und Ausgeglichenheit. Es gibt für Fotografen keinen besseren Weg, Erkenntnisse zur Bildkomposition zu erlangen, als das Studium der Malerei von er Renaissance bis zur Moderne. Man kann daraus sehr gut ableiten, welches Regelwerk zur Bildkomposition über die Jahrhunderte entstanden ist, aber auch wie einzelne Künstler diese Regeln immer wieder bewußt gebrochen haben.
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Was bedeutet für Sie Distanz zum Motiv? Eine angemessene Distanz zu einer Person, die man noch nicht kennt oder zum ersten Mal trifft, ist ein Zeichen von Respekt und Wertschätzung. Übertragen auf die Fotografie von Architektur zeugt die distanzierte Darstellung von einem gewissen Respekt vor dem Betrachter, welchem man dadurch Raum für die eigene Sichtweise gibt, statt ihn von vorneherein in eine Richtung zu lenken. Auf einer ruhigen und eher distanzierten Komposition kann der Betrachter verweilen und immer mehr Details erkennen. Er kann Assoziationen entwickeln und davon ausgehend sich Fragen stellen. Der Betrachter sollte also selbst die Möglichkeit bekommen die Distanz zum Dargestellten zu überwinden, man darf ihm dies nicht aufzwingen. Nur ein Sujet, welchem ein Freiraum gegeben wird, hat zusätzlich auch die Möglichkeit, ein Eigenleben zu entwickeln und sich von der Realität zu lösen.
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Ist Ihnen die gesellschaftliche Bedeutung eines Fotos wichtig oder steht die Ästhetik im Vordergrund? Da Architektur als Wohn- und Arbeitsraum oder für das Zusammenkommen von Menschen geschaffen wird, hat deren fotografische Darstellung auf jeden Fall auch eine soziale Bedeutung. Mich interessiert wie das Nebeneinander von Wohn- und Arbeitswelt aussieht und wie beides in Wechselbeziehung zueinander steht. Wenn architektonisch das Private sehr klein wirkt neben dominierenden Industriebauten, läßt sich daraus auch die menschliche Befindlichkeit in unserer modernen Welt ableiten, und es symbolisiert sehr schön die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft. Darüber hinaus ist ein Wohnhaus oft ein Porträt seiner Bewohner, denn es verrät sehr viel über deren Lebenseinstellung, deren Selbstbild, und deren Position in der Gemeinschaft. Die soziale Bedeutung der Fotografie ist mir somit ebenso wichtig wie deren ästhetische Ausgestaltung. Mit den künstlerischen Mitteln Reduktion und Abstraktion lassen sich bildnerische Aussagen dahingehend verdichten dass sie für den reflektierenden Betrachter leichter zugänglich werden.
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Würden Sie sagen, dass Sie der Begriff Intimität interessiert? Der Begriff der Intimität hat für mich eine Bedeutung im Zusammenhang mit der Präsentation meiner Fotografien in der Öffentlichkeit. Jede Form der Ausstellung oder Publikation künstlerischer Werke ist immer auch eine Selbstoffenbarung. Man verrät mit den gezeigten Arbeiten viel über seine Interessen, seine Sichtweisen, seine Ausdrucksmittel, über den eigenen Horizont, aber auch über die eigenen Grenzen. |
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Was ist für Sie ein schönes Foto? Damit ich eine Fotografie – ebenso wie jedes Kunstwerk im Allgemeinen – als schön empfinde, muss sie zunächst wahrhaftig sein. Dies bedeutet, dass das Bild als ehrliche Verarbeitung der Wahrnehmung und Interpretation von Realität durch den Schaffenden entsteht und nicht allein um des Gefallens willen geschaffen wurde. Damit verbunden ist eine Offenheit in der Aussage des Werks, d. h. es versucht weder, die Empfindung des Betrachters bewusst in eine Richtung zu lenken oder Gemeinplätze zu bestätigen, noch wurde es mit einer berechnenden Absicht – etwa zur politischen Propaganda – angefertigt. Weiterhin zeichnet sich eine von mir als schön empfundene Fotografie durch eine stilistische Verdichtung und Reduktion des dargestellten Inhalts aus sowie durch eine ästhetische Gestaltung, zu der etwa eine angemessene Wahl der farblichen Darstellung zählt. Ein schönes Bild vermag es, die Phantasie des Betrachters anzuregen und dessen geistige Welt zu erweitern.
Anmerkungen(1) Siehe Artikel auf Wikipedia (2)
Sehen Sie sich dieses
pdf zur galerie-photo
und zum Buch von Olivier Lugon an
Le style documentaire : D'August Sander à Walker Evans, 1920-1945
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Letzte Änderung dieses Artikels : 2025
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